14. Juli 2011 - 12:09 Uhr

HBL Interview mit Manfred Werner

Manfred Werner - 55 Jahre als Funktionär tätig
Er hat den deutschen Handball nachhaltig geprägt
Handball - Irgendwann ist es eben genug. Manfred Werner, viele Jahrzehnte als Sportfunktionär, sowohl im Verein als auch in der Liga tätig, macht Schluss. Der Mann von der SG Flensburg-Handewitt, der im März 75 Jahre alt wurde, ist zurückgetreten. Unter anderem als Aufsichtsrats-Vorsitzender der TOYOTA Handball-Bundesliga, für deren Finanzen er von 1993 bis 2008 zuständig war. In unterschiedlichen Funktionen hat Manfred Werner den deutschen Handballsport geprägt.

Nun ernannten ihn die Mitglieder der HBL e. V. im Rahmen ihrer Mitgliederversammlung im Hilton Düsseldorf zum ersten Ehrenmitglied in der Geschichte der Handball-Bundesliga. Nach einer eindrucksvollen und wegweisenden Schlussrede von Manfred Werner erhielt er minutenlange stehende Ovationen durch die Anwesenden.

Das folgende Interview führte die HBL mit Manfred Werner:


Frage: Manfred Werner, herzlichen Glückwunsch zur Ehrenmitgliedschaft. Sie sind der Erste, dem diese Auszeichnung zuteil wurde.

Manfred Werner: "Wohl, weil ich der letzte Mitgründer des Ligaausschusses bin, der in der Liga noch ein Amt bekleidete. Ich gebe zu, die Ernennung und die herzliche Art und Weise, wie diese von Statten ging, hat mir gut getan und mich bewegt. Wissen Sie, Sport hat immer auch mit großen Gefühlen zu tun: Da muss man sich nicht härter machen, als man ist. Bei den stehenden Ovationen wurde so manches Auge feucht, auch meins."

Frage: Sie waren seit jeher ein Vordenker und Ideengeber. Eine dieser Ideen war die Gründung des Ligaausschusses, der später zunächst zur HBVM wurde und erst seit 2003 HBL heißt. Erzählen Sie doch mal.

Manfred Werner: "Die Grundidee war, die Liga in eine stärkere Selbstständigkeit zu führen. Es kann nicht angehen, so wurde damals argumentiert, dass der DHB, der sich um rund 800.000 organisierte Handballerinnen und Handballer kümmern muss, auch noch die Liga führt und verwaltet. Bis dahin waren sich alle einig. Unterschiedlicher Meinung waren die verantwortlichen Entscheidungsträger über den Weg. Die eine Fraktion wollte sich komplett lösen vom DHB und sich nach amerikanischem Vorbild der NBA verselbstständigen, die andere wollte mehr Selbstständigkeit unter dem Dach des Verbandes. Und da der Verband nicht mauerte und unseren Vorstellungen weitgehend folgte, haben wir schließlich die zweite Variante gewählt."

Frage: Damit war ein Anfang gemacht…

Manfred Werner: "Mehr aber auch nicht. Wir begannen mit einem kleinen Büro in Kiel, in dem Heinz Jacobsen ehrenamtlich die Dinge der Liga führte. Ihm zur Seite stand lediglich eine Halbtags-Sekretärin. Nachdem es in den Gründerjahren ausschließlich um die sportlichen Dinge ging, kam Ende der 90er Jahre dann auch das Marketing hinzu. Seitdem haben wir eine stetige, ich möchte fast sagen, stürmische Aufwärtsentwicklung. Sehen Sie, 1995 lag unser Umsatz bei 619.000 DM, in der Saison 2003/04 bei 700.000 Euro, in der abgelaufenen Saison 2011/12 wird der Umsatz der TOYOTA HBL auf 7,1 Millionen Euro prognostiziert. Als letztes Beispiel erwähne ich an dieser Stelle die TV-Zeiten. Die Übertragungszeiten in der Spielzeit 97/98 lag bei 57 Stunden. Heute kommen wir auf 325 Stunden Sendedauer. Mal ganz davon abgesehen, dass Spiele der TOYOTA HBL in Island, Polen, Serbien, Bosnien, Montenegro Kroatien, Rumänien, Dänemark, Schweden Mexiko, USA, Naher Osten und Afrika gezeigt werden."

Frage: Auch am Pokalfinale ist diese Entwicklung beispielhaft abzulesen…

Manfred Werner: "Stimmt. Im Jahr 1992 haben wir das erste Final Four-Turnier ausgerichtet. Seinerzeit haben wir uns erst nach der Zusammensetzung des Halbfinals für Frankfurt als Austragungsort entschieden. Damals mussten die Klubs noch Geld mitbringen, damit wir diese Veranstaltung überhaupt durchführen konnten. Heute nimmt jeder der vier Halbfinalisten bis zu 150.000 Euro mit heim. Ich kann mich auch noch sehr gut an eine lange Nacht 2002 mit intensiven Diskussionen zwischen Heinz Jacobsen und mir erinnern, ob wir den Sprung in die 02 World, die ja damals noch Color Line Arena hieß, wagen sollten. Wir begegneten damals einem Kosten- und Organisationsvolumen, das es uns zunächst sehr schwer machte, diese Entscheidung zu treffen. Trotzdem haben wir gesagt: So, jetzt wagen wir es! Die Richtigkeit der damaligen Entscheidung ist am aktuellen sportlichen und wirtschaftlichen Erfolg des jetzigen Lufthansa Final Fours deutlich abzulesen."

Frage: Also hat die Handball-Bundesliga insgesamt eine sehr positive Entwicklung genommen?

Manfred Werner: "Ja, dass lässt sich so sagen. Wenn ich allerdings eine Betrachtung der so genannten weichen Faktoren, nämlich sportliche und menschliche Fairness, Ehrlichkeit, Verlässlichkeit, gegenseitigen Respekt und Umgang miteinander anstelle, ergibt sich für mich eine eher gegenläufige Entwicklung. Hier würde ich mir wünschen, dass wieder verstärkt auf sportliche Fairness gesetzt wird und alle miteinander einen entsprechenden Verhaltenskodex pflegen. Denn letztlich hängt sowohl die sportliche, als auch die wirtschaftliche Leistungs- und Entwicklungsfähigkeit vom Miteinander ab. Dabei denke ich natürlich auch an die derzeit laufenden Verhandlungen zum Grundlagenvertrag zwischen HBL und DHB, die für beide Seiten zufriedenstellend abgeschlossen werden müssen. Wir haben im deutschen Handball eine enorme Aufwärtsentwicklung erlebt, nur gemeinsam drehen wir das Rad weiter. Eines ist klar, die so erfolgreiche Entwicklung des deutschen Handballs funktioniert nur dann weiterhin, wenn sich alle beteiligten Seiten zusammenraufen und -arbeiten."

Frage: Sie waren – man darf das fast wörtlich nehmen – Zeit Ihres Lebens auch für den Flensburger Handball tätig.

Manfred Werner: "Stimmt, anlässlich meines Geburtstages im März rief mich ein Journalist an und konfrontierte mich mit den Zahlen. Klar, dass ich 75 Jahre alt wurde, wusste ich doch selbst. Aber dass ich seit sage und schreibe 65 Jahren in einem Verein und seit 55 Jahren als Funktionär tätig bin, musste ich erst einmal realisieren."

Frage: Die Zusammenführung der Vereine zunächst aus Weiche und Handewitt und später aus Flensburg und Handewitt geht auch mit entscheidend auf Ihr Konto.

Manfred Werner: "Wir wollten damals in Weiche Handball spielen. Dazu braucht man eine Halle, die fehlte. In Handewitt hingegen stand der Baubeginn einer Halle kurz bevor. Was lag da näher, als zu fusionieren? Wir spielten damals in der 4. Liga und durften zu unserem ersten Heimspiel sage und schreibe 27 Besucher begrüßen. Wir hatten damals noch nicht einmal einen Trainer. Der erste Handballcoach, den ich überhaupt jemals verpflichtete, kam erst Monate später und hieß Peter Holpert, der Vater von Jan und Fynn Holpert."

Frage: Sind Sie zufrieden mit dem, was die SG Flensburg-Handewitt erreicht hat?

[F]Manfred Werner: "Wenn ich berücksichtige, in welcher wirtschaftlichen Struktur die SG Flensburg-Handewitt beheimatet ist und mit welch geringen Möglichkeiten wir hier arbeiten müssen, ist es schon erstaunlich, was wir in Flensburg in den letzten Jahren nachhaltig erreicht haben. Aber wir müssen aufpassen. Der Handball geht inzwischen in die großen Städte. Und es scheint ein wenig so, als ob die Zeit der Dorf- und Kleinstadtvereine allmählich zu Ende geht. In diesem Spannungsfeld müssen wir uns in den kommenden Jahren entsprechend positionieren."

Frage: In Flensburg ist sogar ein Stadion nach Ihnen benannt. Wie kam es dazu?

Manfred Werner: "Ganz einfach. Ich war 32 Jahre lang erster Vorsitzender des Vereinszusammenschlusses von ESV und TSV zum ETSV Weiche. Und irgendwann in dieser Zeit habe ich die Vorstellung gehabt, ein Stadion für den Klub zu bauen, auch mit dem Hintergedanken, eines fernen Tages mit 70 auf einer Terrasse vor dem Klubheim zu sitzen, auf das Spielfeld zu schauen und kritische Anmerkungen machen zu dürfen (lacht). Diesen Bau haben wir mit vereinten Kräften irgendwann umgesetzt. Als ich nun im Jahr 2002 von meinem Amt als Vorsitzender zurücktrat und zum Ehren-Vorsitzenden des Klubs ernannt wurde – das wird wohl jeder nach so langer Zeit – schoben die anderen Vorstandsmitglieder nach Schluss der Sitzung den Fenstervorhang zur Seite. Dort stand dann ein Schild mit dem Schriftzug „Manfred-Werner-Stadion”. Das ist wirklich eine schöne Geschichte."

Frage: Zudem erhielten Sie 1981 auch das Bundesverdienstkreuz.

Manfred Werner: "Ich war zu der Zeit mit gerade mal 45 Jahren noch relativ jung. Normalerweise erhält man das Bundesverdienstkreuz erst in reiferen Jahren. So war das eine Auszeichnung für mein hohes Engagement im sozialen Bereich eines Wirtschaftsunternehmens und für meine ehrenamtliche Arbeit im Sport."

Frage: So ganz nebenbei waren Sie auch noch Familienvater.

Manfred Werner: "Und bin es noch. Wissen Sie, ich habe alle meine runden Geburtstage stets in großem Kreis gefeiert. Als ich aber im März dieses Jahres 75 Jahre alt wurde, habe ich bewusst darauf verzichtet. Ich wollte ein Zeichen setzen: Nicht mehr Allgemeinbestand der Öffentlichkeit zu sein, sondern nur noch meiner Familie gehören. Fünf Jahre zuvor – bei meinem 70. Geburtstag – hat eine meiner drei Töchter durch den Geburtstagsabend moderiert und dabei nach diversen Reden vieler Weggefährten gesagt: „Wenn man das alles so hört, muss man glauben, wir seien ohne Vater groß geworden. Es stimmt, er war häufig abwesend. Aber immer, wenn wir ihn brauchten, war er da.” Das hat mich fast zu Tränen gerührt. Aber ganz ehrlich: Die Familien-Managerin war meine Frau. Ohne sie wäre nichts von alldem gegangen."

Frage: Wenn Sie Rückschau halten: Was war das Handballerlebnis, das Sie am tiefsten beeindruckt hat?

Manfred Werner: "Da möchte ich von vielen drei besondere herausheben. Das war 1984 der Erstliga-Aufstieg, damals noch unter dem Namen Weiche-Handewitt. Dann der erste internationale Titelgewinn mit der SG Flensburg-Handewitt. 1997 haben wir gegen Virum Kopenhagen den EHF-Cup gewonnen. Und dann natürlich die erste und bislang leider auch einzige Deutsche Meisterschaft mit der SG im Jahr 2004. Wir waren sowohl zuvor als auch nachher etliche Male nur Zweiter in der Meisterschaft, sodass das Wort Vize hier in Flensburg nicht die positive Wirkung hat, die es eigentlich verdient."

Frage: Dass ein Manni Werner sich nun endgültig zur Ruhe setzen wird, klingt nach all dem sehr unwahrscheinlich.

Manfred Werner: "Ich will definitiv kein offizielles Amt mehr. Lassen Sie mich es ganz nüchtern formulieren: Ich werde bald 76 Jahre alt. Was ich gern noch machen möchte, wenn es denn gewünscht ist: Ich könnte im handballerischen (sportlichen) Umfeld als Moderator oder Schlichter auftreten, wenn es zu unterschiedlichen Auffassungen zweier Parteien kommt, damit nicht immer gleich bei jeder Unstimmigkeit die Rechtsinstanz in Anspruch genommen wird. Ich möchte nicht mehr in struktureller Pflicht und Verantwortung stehen, aber auf dem skizzierten Wege ein Stück von dem, was an Erfahrung da ist, weitergeben. Weil ich dem Handball zwar viel gegeben habe, aber auch viel durch den Handball bekommen habe."

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