22. Februar 2011 - 0:30 Uhr

SG-Geschäftsführer Holger Kaiser im Interview

Holger Kaiser an seinem Arbeitsplatz in der SG-Geschäftsstelle (Foto:Benjamin Nolte)
Flensburg (bno) - Die Hinrunde der Saison 2010/2011 ist vorbei, die Rückrunde schon in vollem Gange. Aktuell steht die SG auf Platz sechs der Liga, ist kurz vor dem erreichen des Achtelfinales in der Champions League und steht mit einem Bein im Final Four des DHB-Pokals. Elf Spieler der SG Flensburg-Handewitt nahmen an der Weltmeisterschaft in Schweden teil, die Dänen kehrten mit der Silbermedaille zurück. Grund für uns einmal mit dem Geschäftsführer der SG, Holger Kaiser, auf das vergangene zurückzublicken und einen Blick auf die zukünftigen Aufgaben zu werfen. Das Interview führte Benjamin Nolte.

Wo haben Sie die WM 2011 verflog und welcher oder welche SGler haben Sie überrascht?

Ich habe die Spiele im Fernsehen verfolgt. Die SG Spieler haben mich nicht überrascht, zumindest in der dänischen Nationalmannschaft haben die Spieler ihre Leistung abgerufen und auch gezeigt. Von Tamas Mocsai habe ich eine sehr gute WM gesehen und unser Eigengewächs Jacob Heinl wächst immer mehr aus der Rolle des Reservisten heraus und drängelt sich in die ersten sechs hinein. Für seine erste WM als junger, unerfahrener Spieler war das schon sensationell, mit welcher Kaltschnäuzigkeit und Entschlossenheit er zu Werke geht. Wenn man auch bedenkt wie er sich in den letzten zwei Jahren entwickelt hat und wenn jetzt noch die Routine hinzu kommt, hat Jacob das Potential irgendwann die Nummer eins in der Nationalmannschaft zu werden.

Hatten Sie die dänische Nationalmannschaft als möglicher Finalteilnehmer von Beginn an auf dem Zettel?

Seriöse Prognosen vor dieser WM, mit Ausnahme von Frankreich, können nicht gegeben werden. Aufgrund dieses unglaublichen Spielkalenders und der hohen Spieldichte un der damit verbundenen extrem hohen Belastung unserer Spieler kann man momentan gar nicht mehr sagen, wer ins Finale kommt. Nahezu alle Bundesliga- Spieler, egal welcher Nation, konnten ihre Leistungspotential nicht abrufen. Gerade die Rückraumspieler und die Kreisläufer blieben unter ihrem Leistungsniveau und das liegt einfach an der zu hohen Belastung der Spieler. Frankreich ist hierfür ein Beleg, die haben nur zwei Bundesligaspieler in ihren Reihen.

Was hat der deutschen Nationalmannschaft Ihrer Meinung nach gefehlt? Das Abschneiden bei der diesjährigen WM war eines der schlechtesten der letzten Jahre.

Wir haben schon die letzten drei Turniere enttäuscht. Dieses Mal war es besonders hart, weil die Olympiaqualifikation mit der Platzierung bei der WM in Verbindung stand. Aber auch die beiden vorherigen großen Turniere waren nicht unbedingt besser. Ich glaube uns fehlt das Momentum des modernen Handballs. Wir sind von den Einzelspielern nicht wesentlich schlechter aufgestellt als Dänemark, Schweden oder Spanien, aber wir müssen uns auch langsam dahin entwickeln, moderneren Handball zu spielen!

Bis zum Sommer erhält Heiner Brand weiter Rückendeckung aus dem Präsidium des DHB, ist es vielleicht jetzt an der Zeit eines Trainerwechsels?

Heiner Brand hat bis 2013 Vertrag und als leitender Angestellter des DHB bin ich der Meinung, dass er seinen Vertrag erfüllen soll. Es sei denn, er sagt von sich aus, dass es nicht mehr weiter geht und er aufhören will. Ich persönlich mische mich in die Belange des DHB aber nicht ein. Alles andere sind persönliche Kriegsschauplätze, die den Handball in Deutschland beschädigen.

Jacob Heinl hat sein erstes großes Turnier im Trikot des DHB gespielt, wird es schwierig werden ein so großes Talent auf der Kreisposition in Flensburg langfristig zu halten?

Die SG Flensburg-Handewitt wird natürlich alles unternehmen, um Jacob langfristig an unseren Verein zu binden. Nach wie vor ist die SG einer der Top-Clubs in Europa.
Flensburg hat so viele positive Attribute, die andere Vereine nicht haben. Das fängt bei der Tradition an und geht weiter mit der emotionalen Bindung in der Campushalle und der ganzen Region. Am Ende haben wir so viel Power und Selbstbewusstsein, dass wir uns die Spieler aussuchen und Jacob als Eigengewächs ist da natürlich eine feste Größe.

Die Rückrunde ist wieder voll gestartet, wie fällt Ihr Hinrundenfazit aus?

Unsere Hinrundenstart unter der Hypothek der Erwartungshaltung aus der sensationellen letzten Saison. Wir hatten eine überragende Saison gespielt, aus der Rolle des vermeintlichen Unterschätzten. Diese Rolle haben dieses Jahr die Füchse übernommen. Seit Saisonbeginn haben alle auf uns geguckt, und waren extrem motiviert gegen einen Champions-League-Teilnehmer zu spielen. Wir rennen aber immer noch den vier Punkten aus den Heimspielen gegen Magdeburg und gegen die Füchse hinterher. Und diese vier Minuspunkte trüben ein wenig das Bild, was die Mannschaft zumindest gegen Ende der Hinrunde sportlich auf dem Spielfeld gezeigt hat.

Zu Beginn der laufenden Saison wurden mit Tamas Mocsai und Viktor Szilagyi zwei nichtskandinavische Spieler verpflichtet. Für die kommende Serie stehen die Zugänge von Lars Kaufmann und Holger Glandorf fest. Ist mit diesen Personalentscheidungen eine Abkehr von der skandinavischen Ausrichtung der SG verbunden?

Wenn ich im Moment die Anzahl an skandinavischen Spielern bei uns sehe, sicherlich nicht. Und wenn ich gucke in welche Richtung unser Scouting geht, zukünftig sicherlich auch nicht. Wir müssen jetzt natürlich aber auch erkennen, dass Dänemark eine Liga hat, die sich extrem stark entwickelt. Wir leben von der Kontinuität und der Tradition und das war ein skandinavisches und besonders auch dänisches Bild - und das wird immer ein wichtiger Bestandteil der SG bleiben. Aber auch in der Vergangenheit und in erfolgreichen Zeiten haben wir wichtige Spieler von außerhalb Skandinaviens gehabt. Zusammenfassend muss man sagen, dass wir ein weltoffener Verein sind der Menschen zusammenführt, nicht nur in der Halle, sondern auch Nationen, Mentalität und Kulturen. Das sieht man auch an der unglaublichen Harmonie in dieser Mannschaft. Wir haben praktisch keine "Ich-AG", obwohl wir sehr europäische aufgestellt sind. Das gelingt nicht allen Vereinen.

Die Möglichkeit das Final Four zu erreichen ist sehr groß, die Chancen stehen so gut wie seit Jahren nicht. Sportlich wie finanziell wäre dies ein großer Erfolg, wie wichtig ist die Teilnahme am Pokalfinale für Sie?

Unter den vier Besten im Pokal zu stehen und am Final Four teilzunehmen ist immer großartig. Sportliche Ziele stehen zunächst immer ganz oben. Wir haben es als einer der wenigen "normalen" Vereine auch geschafft in die Champions League zu kommen. Wir haben es als einer der wenigen "normalen" Vereine geschafft sechs Vizeweltmeister zu stellen. In der Masse ist das bisher sehr wenigen Clubs gelungen und als einer der wenigen "normalen" Vereine wird es uns nun auch hoffentlich gelingen im Final Four mitzuspielen. Für die Menschen in der Region, die hinter der SG stehen ist das ein riesen Ausrufezeichen und ein tolles Event.

Wo wird die SG am Ende der Saison stehen?

Wir haben in diesem Jahr sportlich eine gewisse Übergangssaison, natürlich auf einem hohen Niveau mit der Champions League und mit dem Final Four. Wir werden die Rückrunde dazu nutzen uns sportlich neu aufzustellen und die Zukunft hinsichtlich modernerem, attraktiverem Handball zu gestalten. Dänemark hat es jetzt vorgemacht mit "normalen" Spielern überdurchschnittliches zu leisten. Nun werden in der Hinsicht die Weichen für die kommende Saison mit einem perspektivisch sehr interessanten Kader gestellt.

Werden sich in den kommenden Jahren 3-4 Vereine vom Rest der Liga durch ihre steigenden finanziellen Möglichkeiten absetzen?

In der Historie waren alle Mäzenen temporäre Erscheinungen, dass wird sich wieder reduzieren. In Lemgo wird der Mäzen austreten, Hamburg hat auch schon erklärt, dass es irgendwann mal an der Zeit ist und ich denke es war ähnlich wie ein Börsen-Hype ein Geschichte, die wieder abebben wird und dann wird rein naturgesetzlich die SG wieder ganz oben mit dabei sein.

Ljubomir Vranjes hat keinen A-Trainerschein und hat unseren Informationen nach auch nicht vor diesen zu machen. Wie wird die Trainerposition in Zukunft besetzt? Bleibt es bei Vranjes als Trainer?

Das Anforderungsprofil an einen Trainer ist so breit aufgefächert, dass es nicht mehr ausreicht einem Trainer beizubringen, wie ein Spielzug funktioniert oder wie die Dinge sportlich zusammenhängen. Ljubo Vranjes bringt alle Voraussetzungen für eine große Trainerkarriere mit. Ljubo hat Talente und Persönlichkeitseigenschaften, die uns ganz klar darin bestärkt haben ihn als Trainer zu nehmen.
Die A-Trainer Ausbildung in Deutschland hat nicht die Qualität als Sprungbrett deutscher Trainer in die Bundesliga. Konkret ist die Wertigkeit der A-Lizenz-Ausbildung zu hinterfragen. Aus meiner Sicht hat die Trainer-Ausbildung nicht mit der Entwicklung des modernen Handballs in den letzten Jahren Schritt gehalten, vielmehr ist sie eine Proforma-Lizenz und am Ende des Tages eine zeitraubende Veranstaltung.

Bleibt er Trainer?

Ljubomir Vranjes hat bis 2012 einen Vertrag und wir werden uns jetzt sicherlich mittelfristig mit ihm zusammensetzen um eine Lösung über 2012 hinaus zu finden um insbesondere der SG Kontinuität und Planungssicherheit zu geben.

Sie sind 2009 als "Sanierer" nach Flensburg gekommen. Es hieß damals, dass die SG nahe einer Insolvenz stand. Ihre erste Amtshandlung war eine 15prozentige Kürzung der Spielergehälter. Ist diese kritische Phase inzwischen vorbei? Bekommen die Aktiven wieder ihr ausgehandelten Gehälter, ist die SG finanziell "gesund"?

Sportlich gesehen haben wir uns konsolidiert, stehen mit einem Bein im Final Four, nehmen an der Champions League teil und haben sechs Vizeweltmeister in unseren Reihen.. Mit dem Kader für die kommende Saison ist eine großes Stück Zukunftsperspektive aufgebaut.
Natürlich mussten wir wirtschaftlich die Einnahmen- und Ausgabenseiten in die Waage bringen. Das ist uns in vielen Bereichen gelungen. In so einem Verein zu arbeiten, heißt nicht nur auf die Kostenseite, sondern auch auf die der Einnahmen zu schauen. Sportvereine sind weder Cashcows noch Profitcenter, sondern sie sollen aus ihren wir wirtschaftlichen und sonstigen Rahmenbedingungen das optimale herausholen.

Ihr Vorgänger, Fynn Holpert, wucherte gerne in der Öffentlichkeit mit dem Thema Hallenausbau. Wie ist der Stand dieses Vorhabens, sind die Pläne endgültig in der Schublade verschwunden?

Als Mieter der Campushalle wird die SG Flensburg-Handewitt auf eigene Kosten in absehbarer Zukunft sicherlich keine teuren Ein- oder Umbauten durchführen.

Was macht Handball in Flensburg so besonders?

Wir sind ein gewachsener Club mit gewachsenen Strukturen und Traditionen. Wir haben das Glück an einer Grenze operieren zu dürfen, wir sind offen nach Deutschland, aber auch genauso offen in Richtung Skandinavien. Das macht es besonders spannend. Und zusammengenommen ist die SG eine Marke, schafft Identifikation und Herzblut bei den Menschen, Dabeisein zu wollen, ist positiver Botschafter für die Region. Die SG ist das "Leuchtturmprojekt" der Menschen in der Region. Diese besondere Stellung haben andere Vereine in Deutschland vielleicht nicht. In diesem Bereich haben wir ein Alleinstellungsmerkmal.

Außerhalb Flensburgs wird man oft auf die Person des Präsidenten der SG und den öffentlichen Wirbel um seine Person angesprochen, wollen Sie sich zu dem Thema äußern?

Ohne unseren Präsidenten würde es die SG auf diesem Niveau nicht geben. Ohne ihn hätte es mit Sicherheit auch die Campushalle nicht gegeben. Alle Sportvereine haben Probleme in diese ehrenamtlichen Bereiche Menschen zu gewinnen, die aus der Wirtschaft kommen, die solch profunde Kenntnisse haben. Alles andere sind Themen, die außerhalb der SG liegen.

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