16. Januar 2011 - 13:14 Uhr

Klaus Tscheuschner - Das große Interview zum Ende seiner Amtszeit

Klaus Tscheuschner im Interview (Foto:Benjamin Nolte)
Klaus Tscheuschner im Interview (Foto:Benjamin Nolte)
Klaus Tscheuschner bei seinem letzten Neujahrsempfang (Foto:Benjamin Nolte)
Klaus Tscheuschner bei seinem letzten Neujahrsempfang (Foto:Benjamin Nolte)
Klaus Tscheuschner mit seinem Nachfolger Simon Faber (Foto:Benjamin Nolte)
Tscheuschner bei der Buchvorstellung von Lars Christiansen (Foto:Benjamin Nolte)
Tscheuschner beim Abschied von Lars Christiansen im Rathaus (Foto:Benjamin Nolte)
Tscheuschner beim Abschied von Lars Christiansen im Rathaus (Foto:Benjamin Nolte)
Tscheuschner bei der Übergabe des Motorola Gebäudes an die Stadt Flensburg (Foto: A. Thomsen)
Tscheuschner bei Beginn der Bahnhofsanierung (Foto: Alexander Thomsen)
Tscheuschner mit einem Dienstfahrrad zur co2 Reduzierung (Foto: Alexander Thomsen)
Tscheuschner beim Tannenbaumschmücken im Rathaus (Foto: Alexander Thomsen)
Tscheuschner bei der Entgegennahme des Fördergeldbescheides für das Schiffahrtsmuseum (Foto: Alexander Thomsen)
Tscheuschner mit Wirtschaftsminister Jost de Jager - Vega-Salmon schafft neue Arbeitsplätze in der Region (Foto: Alexander Thomsen)
Stadtpräsident Dewanger übergibt Tscheuschner bei seinem Abschiedsempfang ein Geschenk (Foto: Alexander Thomsen)
Flensburg (alt) - Nach sechs Jahren Amtszeit steht in diesen Tagen der Wechsel im Flensburger Rathaus auf der Oberbürgermeisterposition an. Klaus Tscheuschner wird in der kommenden Woche seine Amtskette an seinen Nachfolger Simon Faber übergeben. Mit diesem symbolischen Akt ist der Amtswechsel dann entgültig vollzogen. Wir haben diese Gelegenheit genutzt und Klaus Tscheuschner blickte mit uns auf seine Amtzeit zurück und erzählte uns von seinen zukünftigen Aufgaben. Das Interview führte Alexander Thomsen.

erlebe-flensburg:
Sechs Jahre waren Sie Oberbürgermeister in Flensburg. Was geht Ihnen im Kopf herum, wenn Sie an das bevorstehende Ende Ihrer Amtszeit denken?

Klaus Tscheuschner:
Im Moment geht mir noch recht viel im Kopf herum, weil noch viel zu tun ist. Nach sechs Jahren ein Büro aufzulösen und eine Übergabe durchzuführen, das macht eine ganze Menge Arbeit. Dann die Vorbereitung auf die nächste berufliche Station oder Zwischenstation, Unterrichtsvorbereitung, Vorlesungsvorbereitungen und ähnliches und ein Umzug der bevorsteht. Von daher herrscht im Moment viel Betriebsamkeit. Insgesamt ist das Gefühl aber positiv. Ich gehe mit dem Gefühl und der Erkenntnis für mich, dass es sechs gute Jahre waren, die mir gut getan haben und ich hoffe auch der Stadt ein bisschen gut getan haben. Ich gehe mit einem positiven Blick, aber natürlich ist auch ein bisschen Wehmut dabei, weil ich mich hier sehr wohl gefühlt habe.

erlebe-flensburg:
Welche Aufgaben waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten für die Stadt Flensburg?

Klaus Tscheuschner:
Es gibt sicherlich viele Aufgaben, die man wahrnimmt. Da denke ich grade an die Entwicklung des Arbeitsmarktes, bei der es viele Herausforderungen gab, wie z.B. Motorola, ging komplett weg, oder Danfoss mit den Reduzierungen und viele andere Firmen die auch reduziert haben. Das es uns trotzdem gelungen ist die Arbeitslosigkeit zu senken, ist nach Außen auch wahrnehmbar und hat eine gute Entwicklung genommen, die jetzt ihren Höhepunkt mit der Ansiedlung von Danfoss-Silicon hat, bei der ein paar hundert neue Arbeitsplätze entstehen werden.
Ich denke gut gelungen ist auch eine Verstärkung der deutsch-dänischen Zusammenarbeit in vielen Bereichen. Das man als OB auch mal ein bisschen in dänisch geredet hat, hat glaube ich auch ein paar weitere Grenzen geöffnet. Das Städte-Dreieck hat einiges ins Rollen gebracht.
Die Entwicklung in der Stadt, alles rund um den Bahnhof, empfinde ich als sehr positiv. Diese hat ganz viel Arbeit und mühe gekostet. Die Sanierung, die Aufzüge, aber auch die bessere Bahnanbindung, dass z.B. Kopenhagen nun direkt über einen Inter-City im Stundentakt zu erreichen ist. Die Neugestaltung der Fußgängerzone ist sicher auch ein Highlight.
Was letztlich aber wichtiger ist und draußen nicht so wahrgenommen wird, ist das was man Klinkenputzen nennt. Permanent in Kiel und auch Berlin präsent zu sein. Zu sagen, hey da gibt es auch noch eine Stadt im Norden, die es auch verdient hat, dass da ganz viel Geld hingeht. Ich denke wir haben auch viele Zuschüsse bekommen. Das wird außerhalb vom Rathaus meist nicht so ganz wahrgenommen, hat aber glaube ich für die Stadt auch ganz viel gebracht. Viele Einzelprojekte, die wir dadurch finanzieren konnten. Zuletzt ja aktuell das Schiffahrtsmuseum. Da sind sehr viele Gelder gekommen. Viele weitere Projekte sind auch schon in der Pipeline. Zum Beispiel auch eine wichtige Maßnahme, die Promenade an der Hafen-Westseite. Da wo die Phänomenta, die FFG und MAN ihr Gelände haben, wird es eine vorgeschaltete Promenade über das Wasser geben, so dass man dann bis zur Galwikbucht weiter laufen kann. Oder auch die Anbindung Sonwik über die Kelmstraße. Von daher gibt es auch schon einige Projekte, die für die Zukunft schon realisiert scheinen.

erlebe-flensburg:
Was war für Sie als OB die größte herausforderung?

Klaus Tscheuschner:
Die allergrößte und auch einzige Knochenbrecher-Aufgabe war die ganze Sparkassengeschichte. Beginnend im Oktober 2007, bis zur Fusion, das erforderte höchste Konzentration. Ein sehr, sehr schwieriges Betätigungsfeld, wo man dann auch fast alleine dastand und Probleme lösen mußte, die sich über viele Jahre aufgebaut hatten.

erlebe-flensburg:
Welche Momente als Oberbürgermeister waren für Sie emotional am bewegensten?

Klaus Tscheuschner:
Emotional am bewegensten waren eher die scheinbar unspektakulären Sachen. Emotional ist man immer dann betroffen, wenn man Menschen direkt helfen oder eben nicht helfen kann. Meine Order war, wer mit dem OB sprechen möchte, der bekommt einen Termin. Das kann dann auch mal ein bisschen dauern, aber jeder konnte selbst zu mir kommen. Dann gab es eben auch die Menschen dieser Stadt die hier saßen, weil sie keine Baugenehmigung für ein Carport bekamen, oder weil sie aus Ihrer Einfahrt nicht herauskamen, weil davor auf der Straße ein Parkplatz eingerichtet wurde. Solche eher scheinbar unbedeutenden Themen, wo man aber tatsächlich die Menschen der Stadt erlebt hat, bei denen man erleben konnte, wie belastend manche Situationen sind. Da hat man versucht zu helfen und oft konnte ich auch helfen. Oft aber eben auch nicht, weil das Recht es nicht hergab, oder die Nachbarn nicht einverstanden waren. Zu sehen, wie die Menschen dann traurig waren, weil eine Hilfe nicht möglich war, war nicht so schön. Emotional waren das die bewegensten Momente.

erlebe-flensburg:
Waren dies auch die Aufgaben, die Ihnen am meisten Freude bereitet haben?

Klaus Tscheuschner:
Ich habe es nie geliebt am Schreibtisch Theorien zu entwickeln, sondern wirklich praktisch zu arbeiten und nah am Menschen. Jemandem zu helfen, weil er etwas bekommt, was vorher nicht gelungen war, was ihm aber durchaus auch zustand, das macht einen dann auch selbst zufrieden. Es hat da auch viele positive Erfahrungen gegeben.

erlebe-flensburg:
Ist Ihnen die Entscheidung nicht wieder zu kandidieren schwer gefallen?

Klaus Tscheuschner:
Ja. Die Entscheidung ist mir schon sehr schwer gefallen, weil ich hier ein super Team im Rathaus habe und weil die Aufgabe auch Spaß macht und es sich lohnt für die Stadt Flensburg zu arbeiten. Die Entscheidung war schwer. Das andere wäre leichter gewesen aber ich habe ja mehrfach gesagt, um halt für diese Stadt viel positives verändern zu können, braucht man ein Team, auch im politischen Zusammenspiel, was funktioniert und das ist eben nicht mehr der Fall.

erlebe-flensburg:
Ihr Terminkalender hat in den letzten 6 Jahren sicherlich wenig Platz für Freizeit gelassen. Für welche kulturellen oder unterhaltenden Angebote, die Flensburg zu bieten hat, konnte sich der Privatmann Klaus Tscheuschner begeistern, wenn die Zeit es doch mal zuließ?

Klaus Tscheuschner:
Wirklich fast keine. Ich habe nicht einmal geschafft die Partnerstädte zu besuchen. Das ist ja eher das angenehme, was man bei dem Job eigentlich so vermutet, dass da jemand sitzt und sich auf Dienstreisen begibt und auf Steuerzahlerkosten es sich irgendwo gut gehen läßt. Selbst dafür hat die Zeit nicht gereicht. Ich war leider nicht einmal in Carlisle, nicht einmal in Slupsk. Ich habe es nur einmal an einem Sonntag nach Neubrandenburg geschafft und mich dort mit dem Kollegen getroffen.
Ich habe einige ganz wenige Veranstaltungen im Stadttheater besuchen können, etwa genau so viel in der Pilkentafel. Im Volksbad, weniger zu Veranstaltungen, sondern um denen auch zu helfen zu Strukturen zu kommen, oder Eigentum zu erwerben und dergleichen.
Dann war ich, wann immer es möglich war, bei der SG-Spielen. Meine Dauerkarte haben aber meist andere nutzen können, vielleicht habe ich die Hälfte der Spiele geschafft.

erlebe-flensburg:
Wird man Sie auch in Zukunft gelegentlich bei einem SG-Spiel in der Campushalle sehen?

Klaus Tscheuschner:
Eher selten, da wir auch aus Flensburg wegziehen wird es die Gelegenheit nicht oft geben. Ich denke schon, dass ich zum Final Four, wovon ich überzeugt bin, dass wir es dieses Jahr erreichen, an dem Wochenende nach Hamburg fahren werde. Zu bestimmten Spielen, wenn es die Zeit erlaubt werde ich auch in der Campushalle sein, aber es wird eher die Ausnahme bleiben. Wann immer es geht, werde ich mir aber die Spiele im Live-Stream im Internet oder im Fernsehen anschauen.

erlebe-flensburg:
Flensburg ist ja eine sehr schöne Stadt. Gibt es für Sie so etwas wie ein Lieblingsplatz?

Klaus Tscheuschner:
Es gibt mehrere Plätze. Die Marienhölzung, wo ich, wenn es möglich war, am Wochenende mal durchlief. Dann war ich, muss man nicht verstehen, gern auf dem Campus. Ich habe es auch geliebt, da einfach mal zwischen zwei Terminen auf den Parkplatz zu fahren und fünf Minuten Campusluft zu atmen. Ich finde es auch klasse für Flensburg, diese Horde, im positiven Sinne, an jungen Menschen, die diese Stadt belebt und da geschäftig unterwegs ist. Der Campus hat mir irgendwie auch in gewissen Momenten immer ein bisschen Luft gegeben.
Die Schusterkate beim Kollunder Wald, auch wenn das nun nicht in Flensburg ist. Das ist aber auch ein Platz, den ich sehr schön finde. Ich habe auch die Marineschule immer genossen, wenn man da bei Veranstaltungen saß und auf die Förde herunter schaute. Reizvoll an dieser Stadt ist ja auch die Vielfalt. Die Unterschiede, die oft in 100 Meter Abstand folgen, auf Wald folgt Bebauung, dann kommt das Wasser. Ich habe es auch genossen mit dem Rad diese Stadt immer wieder neu zu entdecken.

erlebe-flensburg:
Was werden Sie an Ihrer Tätigkeit hier am meisten vermissen?

Klaus Tscheuschner:
Die Menschen. Mein Terminkalender war immer mindestens im 30-Minuten Rhythmus gefüllt, so dass ich immer neue, andere Menschen um mich herum hatte und das ist bereichernd im Leben. Das bringt zwar auch die größten Enttäuschungen aber auch die größten positiven Erfahrungen. Die Menschen dieser Stadt werde ich am meisten vermissen.

erlebe-flensburg:
Wie sehen ihre Zukunftspläne aus?

Klaus Tscheuschner:
Ich werde jetzt erstmal nahtlos ein bisschen von dem weitergeben wollen, was ich in all den Jahren gelernt habe. Ich werde mit jungen Menschen arbeiten und werde an verschiedenen Hochschulen als Lehrbeauftragter Vorlesungen durchführen. Da freue ich mich unheimlich drauf, auch weil das mal eine ganz andere Welt ist und man da, wie gesagt, ein bisschen weitergeben kann. Es wird sich zeigen, ob das jetzt die neue Aufgabe oder erstmal ein Zwischenschritt ist und einen doch irgend wann die Politik wieder zurückruft. Das würde ich im Moment noch offen lassen.

erlebe-flensburg:
Bleiben Sie dem Norden erhalten?

Klaus Tscheuschner:
Ja, aus Schleswig-Holstein würde ich nicht mehr weggehen. Die Hochschulen, an denen ich tätig sein werde liegen zwar zum Teil auch außerhalb Schleswig-Holsteins, aber wohnsitzmäßig, perspektivisch und beruflich wird der Schwerpunkt in meinem Leben im Norden sein.

erlebe-flensburg:
Was würden Sie Flensburg und den Flensburgern zum Abschied gern mit auf den Weg geben?

Klaus Tscheuschner:
Flensburg ist eine klasse Stadt, die sich selbst oft unter Wert verkauft. Sich politisch auch oft schlecht redet, schlechter als wir sind. Von daher würde ich auf den Weg mitgeben wollen, dass wir stolz auf diese Stadt sein sollen, was die meisten ja auch sind, aber das wir auch gut über diese Stadt reden sollen, was auch die meisten tun. Aber viele entscheidende Leute an manchen Stellen nicht. Ich würde auch noch mitgeben wollen, dass man nicht so viel meckern soll, sondern lieber versuchen soll zu ändern was einem nicht gefällt. Das ist vielleicht nicht Flensburg spezifisch, aber es ist mir doch aufgefallen, das viel gemeckert wird, viel kritisiert wird, dabei hat es ja aber jeder in der Hand selbst politisch aktiv zu werden, zur Wahl zu gehen, auch das reicht ja schon, um Meckern durch Handlungen zu ersetzen. Vielleicht insgesamt ein bisschen mehr Optimismus an den Tag legen. Die Stadt braucht sich nicht zu verstecken, wir verkaufen uns nur oft unter Wert und das haben wir nicht nötig.

erlebe-flensburg:
Wir wünschen Ihnen für Ihre persönliche Zukunft und für Ihren beruflichen Werdegang alles Gute und bedanken uns für Ihre Zeit.

Klaus Tscheuschner:
Ich bedanke mich ebenfalls und wünsche Ihnen und Ihren Lesern alles Gute.

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