21. September 2010 - 13:06 Uhr

Interview mit Jürgen von der Lippe

Jürgen von der Lippe (Foto: Andrè Kowalski)
(alt) - Am Freitag, den 24. September ist Jürgen von der Lippe mit seinem Programm „Das Beste aus 30 Jahren“ zu Gast im Deutschen Haus in Flensburg. Aus diesem Anlass sprachen wir mit Jürgen von der Lippe über Flensburg, sein aktuelles Bühnenprogramm, einigen Stationen seiner Karriere, über Musik und sein neues, mit Monika Cleves zusammen verfasstes Buch „Verkehrte Welt“.


erlebe-flensburg:
Moin Herr von der Lippe, am Freitag gastieren Sie in Flensburg. Waren Sie schon mal hier und was verbinden Sie mit unserer Stadt?

Jürgen von der Lippe:
Ja, ich war schon mit vier Bühnenprogrammen und mit einem meiner ersten Leseabende in Flensburg. Ich verbinde sonst eigentlich nicht viel mit Flensburg, wir reden hier von der drittnördlichsten Stadt Deutschlands, wie ich bei Wikipedia gelesen habe und Sie haben einen sehr originellen Stadtrat... - Nein, die Leute denken ja immer man kennt viel vom Land, wenn man 30 Jahre durch das selbe fährt, aber das ist ja nicht so. Das letzte Mal war ich mit der Lesung in Flensburg und da habe ich auch nicht in Flensburg gewohnt, sondern bin anschließend gleich weitergefahren nach Kiel, wo ich am nächsten Abend eine Veranstaltung hatte und habe dann eben dort übernachtet. Das machen wir auch während der Tour so, da versuchen wir möglichst von einem Hotel aus mehrere Veranstaltungsorte anzufahren. Das ewige Ein- und Auschecken in den Hotels ist ja das was am meisten nervt.


erlebe-flensburg:
Die Liste der Ihnen verliehenen Auszeichnungen ist beeindruckend: Bambi, Echo, Adolf-Grimme-Preis, Deutscher Comedypreis, Goldene Kamera, Goldene Schallplatte...

Jürgen von der Lippe:
Mein Gott... zwei Kameras, zwei Grimme-Preise.


erlebe-flensburg:
Ich bitte um Verzeihung!

Jürgen von der Lippe:
Bitte. (lacht)


erlebe-flensburg:
Mit einem Preis, konnte ich allerdings herzlich wenig anfangen und meine Recherche ergab nur, das Konstantin Wecker diesen Preis ebenfalls bekommen hat - Der Liederpfennig - Was verbirgt sich dahinter?

Jürgen von der Lippe:
Das war der erste Preis den ich bekommen habe. Den hat damals Reginald Rudorf ins Leben gerufen und den bekam man für besonders gefinkelte Lieder. Ich glaube, der Peter Horton hat den auch bekommen. Da war ich in sehr guter Gesellschaft. Das war mein erster Preis und von daher natürlich ganz etwas Besonderes.


erlebe-flensburg:
Beeindruckend sind auch die vielen Fernseh-Shows, die Sie im Laufe der Jahre gemacht haben. Mein persönlicher Favorit war die Überraschungstalkshow "Wat is?", die ich seiner Zeit mit Spass verfolgt habe. Welche der Sendungen oder Shows ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben oder hat Ihnen am meisten Freude bereitet?

Jürgen von der Lippe:
Das kann man immer schlecht beantworten. Ich habe meine Sachen in aller Regel ja selber erfunden und wenn ich sie dann gemacht habe, dann hat mir das in dem Moment den größten Spass bereitet. "Wat is?" war so eine ganz spezielle Geschichte. Ich weiß auch nicht wie ich auf die Idee gekommen bin, wahrscheinlich habe ich mal gelesen, dass Dean Martin in seiner Show so eine Ecke hatte, wo er überrascht wurde, wobei ich nicht annehme, dass die Amerikaner dieses Risiko gegangen sind. Jedenfalls habe ich mir überlegt, es wäre doch mal toll, wenn Du nicht weisst was kommt. Da kann man sich dann auch nicht übervorbereiten, wozu ich nämlich neige und in den 6 Jahren habe ich festgestellt, dass es auch gar nichts nützt, weil man ein offenes Gespräch gar nicht erst aufkommen lässt. Das hat unheimlich viel Spass gemacht. An eine der letzten Sendungen erinnere ich mich an eine junge Frau, eine Studentin, die in Hamburg Table-Dance machte um ihr Studium zu finanzieren und sie hatte so eine Aerobic-Form entwickelt, das war wirklich erstaunlich. Aber es gab ganz viele Geschichten. Es war auch so eine Sendung, wo Leute gesagt haben ja mensch, was Sie sonst so machen, das interessiert uns eigentlich nicht, aber das gucken wir.


erlebe-flensburg:
Am Freitag sind Sie ja bei uns im Deutschen Haus in Flensburg mit Ihrem Programm "Das Beste aus 30 Jahren". Worauf darf sich das Flensburger Publikum einstellen.

Jürgen von der Lippe:
Ja, auf das Beste aus 30 Jahren (lacht).
Ich habe natürlich versucht die größtmögliche Abwechslung herzustellen. Ich habe aus Themen, die ich mehrfach behandelt habe, zum Beispiel einen Text gemacht, der aber zeitlos wirkt, der auch letzte Woche hätte geschrieben werden können. Das war mir ganz wichtig. Ich habe keine Nummer drin, die damals der Knüller war, die aber heute nicht mehr funktioniert. Im Bereich der Comedy ist ganz viel passiert, man hat heute ein anderes Tempo und so weiter. Sämtliche Figuren kommen vor, ich habe musikalisch aufgerüstet, einmal den Mario, den ich immer dabei habe und noch eine Organistin, das heisst wir singen auch wieder dreistimmig. Die Musik klingt auch richtig nach etwas. Ich latsche durch alle Stile, von Bach über Hardrock bis zum Big Band Jazz


erlebe-flensburg:
In der Ankündigung ist auch etwas von Mario Hené an der Midi-Gitarre und Iris Wehner an ihrer Wunderorgel zu lesen. Was darf man sich denn unter einer Midi-Gitarre vorstellen?

Jürgen von der Lippe:
Das ist ein Gitarren-Computer. Das heisst er kann auf der Gitarre das Selbe machen, was andere mit einem Keyboard machen. Er schlägt eine Gitarrenseite an und es klingt wie ein Saxophon.



erlebe-flensburg:
Das verspricht viele musikalische Einlagen. Da würde ich gern anknüpfen und noch einmal weiter in die Vergangenheit zurück gehen. Sie waren zusammen mit Hans Werner Olm Gründungsmitglied von Gebrüder Blattschuss. Mit Herrn Olm hatte ich vor einiger Zeit ebenfalls das Vergnügen ein Interview zu führen. Wie er mir verriet, spielt Musik für ihn im Comedy eine wichtige Rolle. Welche Rolle spielt Musik für Sie auf der Bühne?

Jürgen von der Lippe:
Bei Hans Werner ist das schon noch ein bisschen anders. Er ist ja auch durch Europa gezogen und hat Straßenmusik gemacht. Er hat auch ein unfassbares Repertoire, ist auch ein viel besserer Gitarrist als ich und kann auch noch ganz anders singen. Er kann auch richtig Hard-Rock singen. Der singt original Bon Scott, da fällt Ihnen nichts mehr ein, da kann ich nicht mithalten. Aber ich liebe halt einfach Musik, ich bin aber eher Schnulzier. Mein Lieblingssänger ist Matt Monro. Das ist so eine Mischung aus klassischem englischem Schlager und dem Real Book, dem Standard-Repertoire des Jazz. Er hat zum Beispiel die englische Fassung von "Warum nur, warum" von Udo Jürgens gesungen. Ansonsten bin ich natürlich als Folkie aufgewachsen und habe Sachen gehört wie Donovan oder Bob Dylan. Sagen wir mal so, Rap ist nicht unbedingt meine Domäne und House nicht, Wave nicht, aber das ist ja auch, denke ich mal, eine Altersfrage.


erlebe-flensburg:
Ihr Hauptinstrument ist ja sicherlich die Sprache. Ich habe gelesen, dass Sie 2008 die Ehrenmitgliedschaft im Verein der Deutschen Sprache erhalten haben. Wie kam es dazu?

Jürgen von der Lippe:
Ich denke mal, das hat etwas mit der Sendung "Frei von der Lippe" zu tun, die sich mit Sprache beschäftigt. Es ist eine sehr schöne Sendung, die sehr viel Spass macht. Da komme ich gerade her, die wird immer auf der Wartburg gedreht. Da habe ich dann immer ein Gesprächsgast, diesmal ging es um Lügen. Ein Journalist von der Süddeutschen hat ein Experiment gemacht und hat während der Fastenzeit 40 Tage lang versucht nicht zu lügen. „Frei von der Lippe“ ist eine kleine Unterhaltungsshow rund um die Sprache und da haben die mich gefragt, ob ich Ehrenmitgleid werden möchte. Könnt ihr gerne machen, habe ich gesagt, aber diese Anglizismen-Phobie, die mache ich natürlich nicht mit. Wenn Anglizismen übertrieben werden, halte ich diese für einfach nur lächerlich, aber ich finde nicht, dass man sich nun krampfhaft bemühen muss einen deutschen Begriff für "Jackpot" zu finden. Das finde ich ein bisschen albern.


erlebe-flensburg:
Abschließend können Sie vielleicht noch etwas zu Ihrem neuesten Buch mit dem Titel "Verkehrte Welt", das letzten Monat erschienen ist, ein paar Worte sagen?

Jürgen von der Lippe:
Das ist mein drittes Buch, was ich mit Monika Cleves zusammen geschrieben habe. Die beiden ersten waren Glossenbände, das heisst ein Thema, zwei Meinungen, eine weibliche, eine männliche. Dieses ist jetzt richtige Fiktion, klassische Kurzgeschichten, die wir im Ping-Pong Verfahren geschrieben haben. Einer fing an mit zwei Sätzen oder mit einer halben Seite und dann hat der andere das per E-Mail bekommen und hat dann versucht eine möglichst originelle Wendung hereinzubringen. Dann wieder zurück und hin und her, bis irgend einer eine schöne Schlusspointe hatte. Das ist schon ziemlich schräg geworden und hat wahnsinnig viel Spass gemacht. Natürlich haben wir uns da auch gestritten, das ist ja klar. Da sagt man dann, mensch, so ein starker Anfang und Du machst da so ein Mist draus. Das bleibt manchmal nicht aus. Diese 52 Geschichten sind eigentlich sehr schön. Ein großer Teil eignet sich erfreulicherweise auch sehr gut zum Vorlesen. Ich bin ja nächstes Jahr auch wieder in Flensburg mit einem Leseprogramm. Das Letzte war ja "Der witzigste Vorleseabend der Welt" von dem es auch ein Hörbuch gibt. Ein Hörbuch für "Verkehrte Welt" haben wir auch wieder gemacht, allerdings nicht als Live-Lesung, sondern als Hörspielproduktion. Da hatte ich mal Lust zu und das hat auch sehr viel Spass gemacht.


erlebe-flensburg:
Vielen Dank, dass Sie sich die Zeit für dieses Interview genommen haben und ich wünsche Ihnen einen schönen Aufenthalt in Flensburg.


Das Interview führte Alexander Thomsen

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